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Startseite Presseberichte 2011 Entweder ganz oder gar nicht
17 | 06 | 2024
Entweder ganz oder gar nicht Drucken
Geschrieben von: Freies Wort   
Montag, den 17. Januar 2011 um 13:46 Uhr
Von Ann-Christin Wolf
Hunderte Einsatzkräfte waren wegen des Hochwassers an den Flüssen und Bächen der Region im Einsatz. Auch Schmalkaldens Stadtbrandmeister Michael Pfunfke und Wehrführer Torsten John.

Schmalkalden - Dort, wo sonst Autos über den Asphalt fahren und Familien gemütlich im Grünen sitzen, ist Wasser, viel Wasser. Straßen und Gärten sind oft nur noch zu erahnen. Sandsäcke sollen das Schlimmste verhindern, aber meist vergebens. Die Schmalkalde hat Straßen und Häuser im Ortsteil Aue überflutet. Schmalkaldens Stadtbrandmeister Michael Pfunfke und Wehrführer Torsten John kommen an der Linde in der Aue an. Sie sind unterwegs, um die Lage an Schmalkalde und Werra zu überprüfen.

Wehrführer Torsten John dokumentiert die Hochwasserlage auf einem Grundstück in der Schmalkalder Aue.

Wehrführer Torsten John dokumentiert die Hochwasserlage auf einem Grundstück in der Schmalkalder Aue.

Bild: Ann-Christin Wolf

"Hier in der Aue tut es richtig weh", sagt Pfunfke und sucht das Gespräch mit Betroffenen. Am Fenster eines umfluteten Hauses steht ein älteres Ehepaar. Sie schildern dem Stadtbrandmeister ihre aktuelle Situation. In einer Höhe von 1,60 Meter stehe das Wasser im Keller. Die Pumpen seien ständig in Betrieb. "Dass das Wasser in den Keller kommt, kennen wir ja schon. Aber diese Ausmaße gab es lange nicht mehr", erzählt die Anwohnerin. So schlimm wäre es zuletzt 1994 gewesen. Ihr Ehemann ergänzt: "Wir sind froh, dass unsere ganze Familie bei uns ist und hilft." Dann gerät er ins Stocken, die Worte fehlen und er wendet sich ab.

Wehrführer Torsten John und Stadtbrandmeister Michael Pfunfke besprechen die Situation im Pfaffenbach.

Wehrführer Torsten John und Stadtbrandmeister Michael Pfunfke besprechen die Situation im Pfaffenbach.

Bild: Ann-Christin Wolf

Pfunfke versucht zu trösten. Das Leid aber kann er ihnen nicht abnehmen. Der 48-Jährige verabschiedet sich und geht zu seinen Einsatzkräften auf einer Brücke. Die Ferwehrmänner sind seit Tagen in der Aue im Einsatz, um Sandsäcke zu stapeln und immer wieder zu kontrollieren. Neben dem Löschfahrzeug, das bei Hochwasser für die Hilfeleistungen vor Ort eingesetzt wird, sitzen zwei Männer auf Getränkekisten mit einer Tasse Kaffee in der Hand. Andere stehen an einer Brücke. John und Pfunfke sprechen ein paar Minuten mit den Kollegen und sondieren die Lage.

Die Truppe versucht sich trotz der Belastungen bei Laune zu halten. Einer der Männer gibt einen Schwank aus dem Feuerwehralltag zum Besten und sorgt für Gelächter. "Man muss die Sache mit ein wenig Humor nehmen, um durchzuhalten", sagt Pfunfke. Kaum hat er den Satz beendet, klingelt auch schon sein Handy. Der Stützpunkt in der Wilhelm-Külz-Straße gibt den neuesten Pegelstand durch: fallend. Die Erleichterung ist dem Feuerwehrchef anzumerken.

Er und John fahren zum Aue-Kindergarten zur Kontrolle. Dort angekommen werden sie vom kleinen Sebastian und Kindergärtnerin Monika empfangen. Der kleine Aue-Knirps freut sich über den Besuch der Feuerwehrmänner. Auch Kindergärtnerinnen und Eltern sind beruhigt, wenn die Feuerwehr öfters vor Ort ist, was auch dazu führt, dass bei den Kindern der Berufswunsch Feuerwehrmann zurzeit an erster Stelle steht. Ein Teil des Spielplatzes ist vom Hochwasser überflutet, die Rutsche führt direkt ins Wasser. Es sieht aus wie in einem Schwimmbad. Die braune Brühe lädt jedoch weniger zum Baden ein. Ein Wall schützt das Haus vor Überschwemmung, hier besteht keine akute Gefahr.

Stadtbrandmeister auf Patrouillengang im Schmalkalder Pfaffenbach: Teilweise sind die Schäden immens. Die Aufräumarbeiten werden sich langwierig gestalten.

Stadtbrandmeister auf Patrouillengang im Schmalkalder Pfaffenbach: Teilweise sind die Schäden immens. Die Aufräumarbeiten werden sich langwierig gestalten.

Bild: Ann-Christin Wolf

Erneut klingelt das Handy. Pfunfke erfährt, wie sich die Lage im Pfaffenbach gestaltet. Eine Stunde zuvor hatten er und John mit einem Bauhofmitarbeiter die Ausspülungen dort begutachtet und beschlossen, das entstandene Loch mit Hilfe eines Baggers zu schließen. Solch spezielle Arbeiten müssen vom Bauhof oder von Fremdfirmen übernommen werden. Eine ständige Kommunikation zwischen Feuerwehr und den übrigen Helfern ist unabdinglich. Der Graben im Pfaffenbach wurde geschlossen, der anliegende Fußweg wurde dabei jedoch überschwemmt. John und Pfunfke entscheiden sich dafür, den Weg sperren zu lassen und geben dies über Funk an die Leitstelle durch, die verfügbare Leute ins Pfaffenbach schickt.
Die Männer und Frauen am Stützpunkt koordinieren die Einsatzkäfte. Die Arbeit von insgesamt sieben Ortsteilfeuerwehren muss geplant werden, die Stützpunktfeuerwehr eingeschlossen. Was ist wo zu erledigen? Wie viel Sand ist noch vorrätig? Wer übernimmt die Nachtschicht? Dies sind nur einige Fragen, die geklärt werden. Michael Pfunke erfährt über Funk, dass die Ortsteilfeuerwehr Möckers fünf Kräfte bereitstellen kann. Wehrführer John überlegt kurz und gibt durch: "Im Moment ist alles abgedeckt. Am besten wäre es, wenn die Leute sich für die Nacht bereithalten." Der 31-Jährige muss einen Überblick über die Geschehnisse haben und ständig auf die neuesten Ereignisse reagieren.

John und Pfunfke erhalten einen Anruf aus Wernshausen. In einer der dortigen Papierfabriken wird der Chef gebraucht. Um Zeit zu sparen, schaltet Pfunfke Blaulicht und Martinshorn ein und los geht es nach Wernshausen. Er steuert den Wagen durch den Verkehr und flucht das ein oder andere Mal, weil Autofahrer trotz des unüberhörbaren Signals den Weg versperren. "Das Verhalten der Leute lässt oft zu wünschen übrig, teilweise ist es katastrophal", schimpft er. Plötzlich bremst er abrupt ab, sodass der Wagen ins Schaukeln gerät. "An den Fahrstil muss man sich erst gewöhnen", scherzt Kollege Torsten John. Auch der Wehrführer und sein Chef lassen sich während der Kontrollfahrt die Laune vom Hochwasser nicht verderben und sich zu dem einen oder anderen nicht ganz ernstgemeinten Spruch hinreißen. Man könnte meinen, dass sich Pfunfke etwas vom trockenen Humor des Comic-Helden Homer Simpson abgeguckt hat, dessen Figur als Anhänger an seinem Handy baumelt, das schon wieder klingelt.

Die Kollegen aus Wernshausen sind dran, der Treffpunkt wird vereinbart und gemeinsam fahren sie zur Papierfabrik. Die immer noch steigende Werra droht an einer Seite das Gelände zu überfluten und Transformatoren zu beschädigen. Gruppenführerin Yvonne Eichhorn und stellvertretender Ortsbrandmeister Michael Herrmann beraten sich mit den Schmalkalder Vorgesetzten. John und Pfunfke beschließen Sandsäcke als Sicherung zu verlegen und kontaktieren den Energieversorger E.ON. Nach einigen Minuten bekommt der Leiter der Schmalkalder Feuerwehr einen Zuständigen ans Telefon. Die Trafos seinen nicht in Gefahr, da sie in zwei Meter Höhe hängen, lautet die Auskunft. Die Schaltzentrale sei bereits abgestellt worden. "Wir brechen die Maßnahmen ab", lautet Michael Pfunfkes Anweisung.

Die beiden Schmalkalder begleiten ihre Wernshäuser Kollegen zu einer Überschwemmung im Ortsteil Niederschmalkalden. Auch hier folgt ein kurzes Gespräch mit den Anwohnern, die die Situation weiter im Auge behalten sollen. Während der Rückfahrt kontaktiert Torsten John die Einsatzkräfte in Mittelschmalkalden über das Funkgerät: "Florian Mittelschmalkalden für Florian Schmalkalden 11 kommen." Die Ortsteilfeuerwehr meldet, dass sich die Lage entspanne und kein Bedarf für einen Besuch bestehe. Die Kommunikation der sieben Feuerwehren läuft über einen separaten Funkkanal. Normalerweise kommunizieren alle Südthüringer Feuerwehren über einen Kanal. Während einer Ausnahmesituation sind die Funksprüche der anderen Feuerwehren für die Schmalkalder aber eher unwichtig. Die relevanten Funksprüche aus den unzähligen anderen herauszufiltern, wäre eine zusätzliche Belastung. Mit dem eigenen Kanal läuft die Verständigung viel effizienter ab und die Leitstelle in Schmalkalden wird entlastet.

John fragt noch einmal den Pegelstand der Schmalkalde ab. Dieser wird von einer Mittelschmalkalder Messstation der Thüringer Landesanstalt für Umwelt und Geologie (TLUG) gemessen. Da in Mittelschmalkalden keine Hilfe benötigt wird, fahren die beiden direkt zum Stützpunkt. Nach der dreistündigen Kontrollfahrt geht die Arbeit dort weiter. Während des Hochwassers sind John und Pfunfke fast rund um die Uhr im Einsatz, leisten sich nur wenige Stunden Schlaf und stehen ständig unter Spannung. Auf diesen enormen Stress würden die beiden gerne verzichten. "Wir haben lieber ein kleines Feuer, als ein solches Hochwasser", sagt Torsten John.

Der Wehrführer arbeitet bei einer ortsansässigen Firma als Gas- und Wasserinstallateur. Seinem Beruf konnte er in den letzten Tagen kaum nachgehen. Sein Arbeitgeber stellt den 31-Jährigen für sein Ehrenamt frei. Der Gesetzgeber verpflichtet ihn dazu. Der Stadtbrandmeister ist als Mitarbeiter des Bauhofs bei der Schmalkalder Stadtverwaltung angestellt. Der durch den Schmalkalder Erdfall vom November 2010 weithin bekannt gewordene Schmalkalder beschreibt seine Tätigkeit bei der Feuerwehr so: "Wenn man dieses Ehrenamt bekleidet, dann macht man das aus Überzeugung. Entweder ganz oder gar nicht."